Barmer Theologische Erklaerung



  Geist 2017.11.23 07:11  
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 Bericht zur Hauptversammlung des Reformierten Bundes 2004

Barmer Theologische Erklärung hat nach wie vor orientierende Kraft
Auszüge aus dem Bericht des Moderators zur Hauptversammlung des Reformierten Bundes 2004
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    Hauptversammlung in der Kirche Barmen-Gemarke
In seinem Bericht vor der Hauptversammlung des Reformierten Bundes (in Wuppertal-Barmen, 10.-12. Juni 2004) setzte sich der Moderator des Reformierten Bundes, D. Peter Bukowski (Wuppertal), mit Barmen-kritischen Äußerungen auseinander, wie sie in letzter Zeit vermehrt auftauchen.
Im Folgenden dokumentieren wir den entsprechenden Auszug aus seinem Bericht.

2004 - das bedeutet auch: 70 Jahre Barmer Theologische Erklärung. Wir sind hierher gekommen, weil wir uns vom Entstehungsort dieser Erklärung inspirieren lassen wollen. Dabei haben wir wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Barmer Thesen nach wie vor orientierende Kraft haben: "Die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk" - Die Aktualität der VI. These der Barmer Theologischen Erklärung - so lautet unser Tagungsthema. Ohne Fragezeichen. Gewiss: Die Aktualität von Barmen muss thematisiert, sie muss in den jeweiligen Problemlagen stets neu erarbeitet werden. Doch indem wir das tun, gehen wir davon aus, dass die in Barmen getroffenen theologischen Grundentscheidungen bleibend gültig sind.
Man sollte meinen (und hoffen), ich spräche damit eine Selbstverständlichkeit aus, halten wir uns doch schlicht an das, was unsere Kirchenordnungen und (im Fall der TheologInnen) unser Ordinationsgelübde uns vorgeben. Tatsache aber ist: Hier ist gar nichts selbstverständlich. Die in Barmen bekannten "Evangelischen Wahrheiten" sind im deutschen Protestantismus fraglich. Und dies nicht etwa in dem Sinne, dass wir Christenmenschen als Sünder dazu neigen, in Denken und Tun hinter unseren Bekenntnissen zurück bleiben. Nein: Es wird offen und programmatisch diskutiert, ob Barmen nicht eher ein Unfall, statt eine Sternstunde der Christenheit gewesen sei. Oder ob nicht Barmen, möge es auch damals ein hilfreiches Wort gewesen sein, zumindest heute sich störend wenn nicht gar schädigend auf die Kirche auswirke. Ich bin mir nicht sicher, ob der theologische Gehalt der Barmer Thesen heute noch mehrheitsfähig ist. Was ich weiß ist, dass sich in Kirche und wissenschaftlicher Theologie die Stimmer derer mehren, die explizit davor warnen, sich von Barmen die Kursrichtung anzeigen zu lassen. Das erfüllt mich mit tiefer Sorge.
Als "Fallbeispiel" nenne ich den Barmen-Artikel in Chrismon 05/2004 (immerhin das publizistische Flaggschiff der EKD!). Dabei interessiert mich im jetzigen Zusammenhang nicht, ob der Artikel mehr Referat ist, oder die eigene Meinung der Autoren R. Mawick und B. Weiz widerspiegelt (tatsächlich bleibt das in der Schwebe). Was mich interessiert, ist seine Argumentationsweise, weil die nicht untypisch ist. Da wird zum einen von einer Konferenz Bekennender Gemeinschaften berichtet, für die Barmen als Garant der eigenen Modernitätsverweigerung herhalten muss: Gottes Wort schützt Ehe und Familie vor ideologischen Gleichheitsforderungen. Auf der anderen Seite stehen die, die wie etwa R. Ziegert (Pfarrer für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche der Pfalz) Barmen für einen Fehler halten, der den Nazis genützt habe (weil der politischen Verantwortung ausgewichen wurde), und der sich heute als schädlich erweise, weil Barmen eine "Verachtung der religiösen Suche der Menschen heute" bedeute; zudem sei Barmen aufgrund seiner autoritativen Setzungen modernitätsfeindlich und aufgrund seiner Christuszentriertheit dialogfeindlich. O-Ton: "absolut hemmend". Dem Leser wird also suggeriert, es ständen sich tendenziell fundamentalistische ewig gestrige Barmenbekenner (O-Ton: "die Front der Barmen Gläubigen") und Barmen Kritiker gegenüber, wobei letztere die Zeitgenossen zu erreichen versuchen, indem sie achtsame, pluralismusfähige und dialogfähige Theologie treiben - tertium non datur!
Eben dieses Szenario ist historisch falsch und theologisch verhängnisvoll. Historisch falsch ist es, weil die allermeisten von Barmen geprägten Theologen (angefangen beim Verfasser Karl Barth selbst) nicht der fundamentalistischen Seite zugerechnet werden dürfen. Sie haben vor allen anderen die mit Barmen verbundenen Versäumnisse und Versagen benannt, öffentlich bereut und produktiv bearbeitet. Und was Theologen von H. Gollwitzen und H.J. Iwand und W. Kreck, nicht zu vergessen die Theologinnen H. Ehrhardt, H. Hansch und H. Reiffen, bis hin zu J. Moltmann, E. Jüngel, Krötge, B. Klappert, Ch. Link, E. Busch, M. Weinrich und M. Welker, um nur ganz wenige zu nennen, im Gefälle von Barmen im Blick auf Kirche, Gesellschaft, interreligiösen und christlich-jüdischen Dialog theologisch geleistet haben, was namentlich der Theologischen Ausschuss der EKU in jahrzehntelanger Arbeit an produktiver Barmenrezeption geleistet hat, von der ökumenischen Barmenrezeption ganz zu schweigen - das kommt in der oben genannten Alternative nicht vor, es sei denn, dies alles müsse nach Meinung der Autoren dem fundamentalistischen Flügel zugeordnet werden, wofür die pauschale Rede von den "Barmen Gläubigen" spricht. Ich sage: Das ist historisch falsch und im Blick auf die betreffenden Personen menschlich unanständig.
Der eigentliche Schaden dieser zu einfachen Alternative ist aber ein theologischer. Viele Barmenkritiker verdächtigen einen offenbarungstheologischen Ansatz eo ipso als modernitätsfeindlich, weil er doktrinär, autoritativ, unkommunikativ und im Blick auf den religiös Suchenden missachtend sei. Einer vermeintlichen Theorie isolierter Heilsfakten ("Und die Bibel hat doch recht") begegnen sie mit der Theorie absoluten Glaubens (Religion als Lebensdeutung). Darin verpassen sie aber gerade die Pointe der Barmer Thesen, die davon reden, dass wir "Grund zum Glauben" haben (H.G. Geyer). Es ist wohl wahr, dass sich der Grund nur dem Glauben erschließt, deshalb muss das eine Wort Gottes stets neu gehört, adressaten- und situationsgerecht ausgelegt werden, als Botschaft, die anrührt und Glauben wachsen lässt. Aber der Glaube ruht nicht in sich selbst, sondern hat seinen verlässlichen Grund außerhalb seiner selbst, ist begründeter Glaube (Das ist mein Trost, dass ich nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre, heißt es in Frage 1).
Ob wir bei aller Unterschiedenheit darin einig sind, dass uns der Grund unseres Glaubens im biblisch bezeugten Jesus Christus vorgegeben ist; dass Rechtfertigung und Befreiung zum verantwortlichen Handeln unter dem Anspruch Christi zusammengehören; dass die Gemeinde in jeder Hinsicht ihre Zugehörigkeit zu Christus darzustellen hat; dass sie sich für die Aufgabe des Staates einsetzt, für Recht und Frieden zu sorgen; dass ihre Freiheit aus ihrem Auftrag erwächst, das Evangelium allen Menschen mitzuteilen - darüber müssen wir uns verständigen, darum muss auch gestritten werden; und zwar so, dass Gemeinden, Presbyterien und Synoden verstehen können, worum gestritten wird, denn hier fallen Entscheidungen, von größter Tragweite, die alle Bereiche des christlichen und kirchlichen Lebens betreffen. So gesehen ist das diesjährige Hauptversammlungsthema und der Tagungsort Programm: Als Reformierter Bund wollen wir uns heute und auch weiterhin zur Sache rufen lassen.

Jörg Schmidt
Publizistik und Öffentlichkeitsarbeit




Emanuel Hirsch as a Phenomenon of His Time
Werner Elert (1885-1954)

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