Archiv von Juergen Moltmann



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 Sonne der Gerechtigkeit

Jürgen Moltmann
Sonne der Gerechtigkeit
Das Evangelium vom Gericht und der Neuschöpfung aller Dinge*

Gerechtigkeit in Mesopotamien, Ägypten und Israel

Die Vorstellung vom Ende der Welt im Weltgericht Gottes ist keine originäre christliche Vorstellung, nicht einmal eine biblische. Israel hat babylonische ebenso wie später ägyptische Vorstellung auf selbständige Weise aufgenommen und kraft seines Gottesglaubens umgestaltet.

Im Zweistromland war der König zugleich der Richter und als Vertreter des Sonnengottes Samas auch der Vollstrecker der göttlichen Gerechtigkeit. 1 Diese Gerechtigkeit ist wie das Sonnenlicht die kosmische Welt- und Lebensordnung. Mit der Sonne geht morgens die göttliche Gerechtigkeit auf und führt das Land und das Volk auf rechten Wegen. Gerecht ist, wer recht leitet; gerecht ist, was gesund ist; gerecht ist, was rechtschaffen lebt. Richten hat hier den positiven Sinn von aufrichten, lebendig machen und heilen. Der König und Richter hat dafür zu sorgen, dass "der Starke den Schwachen nicht schädigt" und "den Waisen und Witwen zu ihrem Recht verholfen wird". Er hat nicht nur den Schwachen vor dem Starken zu schützen, sondern auch das Land vor der Ausbeutung durch die Menschen. Er ist jedoch seinerseits von der kosmischen Ordnung abhängig. Entstehen Naturkatastrophen oder Hungersnöte, wird er verantwortlich gemacht, es kann ihn den Kopf kosten. Gerechtigkeit ist in diesem kosmologischen Kontext eine Recht schaffende, rechtsschöpferische Tätigkeit.

Wird der Gott Israels als Sonne der Gerechtigkeit gepriesen und um seinen Aufgang gebetet, dann übernimmt er auch die Funktionen der lebendigmachenden, heilenden, rettenden und zurechtbringenden Gerechtigkeit der Sonne Samas. Durch die Unterscheidung aber zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung steht der Gott Israels dem Kosmos frei gegenüber und ist nicht selbst ein Teil der kosmischen Ordnung. Damit wird die Gerechtigkeitsvorstellung in Israel "theologisiert". Gerechtes Handeln Gottes wird auch in der Geschichte der Welt wahrgenommen, nicht nur in den konstanten Ordnungen der Natur.

Die ägyptische Gerichtsvorstellung ist eine Jenseitsvorstellung und nicht auf die kosmische Gerechtigkeit dieser Welt bezogen.2 Das Gottesgericht ist das Totengericht, ein Übergang vom Diesseits zum Jenseits. Kontinuität vom Diesseits zum Jenseits bilden Lohn und Strafe dort zu den Taten und Untaten hier. Im Zentrum des Totengerichts steht die Waage mit dem Herzen des Toten auf der einen Schale und seinen Taten auf der anderen.

Ma'at ist in Ägypten Inbegriff der Gerechtigkeit und der Wahrheit. Der Mensch ist im Diesseits die Summe seiner Taten. Diese werden im Jenseits mit Lohn und Strafe vergolten. Jeder Mensch steht auf sich selbst gestellt in der Halle der Wahrheit vor Osiris und seinen 42 Beisitzern im Gericht. Das Urteil wird auf Grund der Herzensabwägung gesprochen. Die Wägung wird durch den Gott Anubis vorgenommen, der im Christentum später zum Erzengel Michael mutierte, als Osiris durch Christus ersetzt wurde. Nach welchem Gesetz gewogen und geurteilt wurde, ergibt sich aus den vielen vorgeschriebenen Unschuldsbeteuerungen, die die Toten im Gericht vorzubringen haben.

Vergleichen wir die Gerechtigkeitsvorstellungen in Babylon und Ägypten, dann finden wir auf der einen Seite den Begriff einer zurecht bringenden, rettenden und heilenden Gerechtigkeit, auf der anderen Seite eine feststellende und vergeltende Gerechtigkeit. Auch im Alten Testament gibt es Vorstellungen vom Zorn Gottes, der auf menschlichen Frevel reagiert und die Gottlosen bestraft, aber es überwiegen doch Vorstellungen von einer schöpferischen Gerechtigkeit Gottes: "Schaffe mir Recht", wird der angerufen, der "Recht schafft denen, die Gewalt leiden". In Babylon hat die göttliche Gerechtigkeit soziale, irdische und kosmische Dimensionen, in Ägypten aber ist sie nur auf den Menschen und bei den Menschen nur auf ihre Taten und Untaten, nicht aber auf ihre Leiden und auch nicht auf ihr natürliches, körperliches Dasein als Geschöpfe Gottes bezogen. In Babylon finden wir eine Gerechtigkeit, die das Universum zusammen hält und belebt, in Ägypten individualisiert das Totengericht die Menschen, jeder steht einsam für sich selbst ein. In Babylon schützt die göttliche Gerechtigkeit die Schwachen und Opfer, in Ägypten bestraft oder belohnt die Gerechtigkeit die Täter.

Halten wir uns für einen Augenblick die christlichen Bilder vom Jüngsten Gericht in den mittelalterlichen Kirchen vor Augen, dann leuchtet unmittelbar ein, wie stark das ägyptische Totengericht diese Bilder vom "Gericht nach den Werken" geprägt hat und wie wenig die alttestamentlichen Begriffe der schöpferischen Gerechtigkeit in die christlichen Gerichtsvorstellungen eingegangen sind.

Das Jüngste Gericht nach christlicher Tradition

Das Gericht Gottes am Ende der Welt gehört - in der lutherischen Orthodoxie - in den Bereich des Gesetzes, das gute Taten fordert und schlechte verbietet. Es ist ein Gericht nach den Werken. Der Übergang von hier nach dort geht über Lohn und Strafe. Im Unterschied zu menschlichen Gerichten gibt es in dieser Vorstellung vom Gottesgericht nur zwei Urteile: ewiges Leben oder ewigen Tod, Himmel oder Hölle. Fragt man verwundert, was denn aus der guten sichtbaren Schöpfung, der Erde und den anderen irdischen Geschöpfen Gottes wird, bekommt man die Antwort: Alles wird zu Asche verbrannt. Das ist das "Ende der Welt".

Ich halte diese Gerichtsvorstellung für extrem schöpfungsfeindlich. Soll denn der Richtergott dem Schöpfergott widersprechen? Und wenn es sich um denselben Gott handelt, dann zerstört der Richtergott die Treue des Schöpfers zu seinen Ge- schöpfen. Ob es sich um einen Selbstwiderspruch Gottes oder um verschiedene Götter handelt, das biblische Gottvertrauen ist zerstört. Die Vorstellung vom vernichtenden Strafgericht ist ein extrem gottloses Bild.

Der Christus mit dem zweischneidigen Richtschwert im Mund, der mit Lohn und Strafe vergeltende Gerechtigkeit an den Menschen ausübt, ist nicht wiederzuerkennen. Er hat mit dem krankenheilenden, sündenvergebenden Bergprediger Jesus von Nazareth nichts zu tun. Dieser vergeltende Richter kann nicht der für uns gekreuzigte und uns voran auferstandene Christus sein. Wer kommt angesichts des Weltenrichters, den Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle als antiken Heros oder als athletischen Olympiasieger gemalt hat, auf die Idee, das könnte der arme Mann aus Nazareth sein?

Sonnenaufgang der Gerechtigkeit Christi

Es gibt jedoch einen anderen Zugang zur Vorstellung vom großen Weltgericht: Unrecht schreit zum Himmel, die Opfer verstummen nicht, die Mörder finden keine Ruhe. Der Hunger nach Gerechtigkeit bleibt als Qual in einer Welt der lautlosen Schreie bestehen. Die Opfer können nicht vergessen werden, die Mörder können nicht endgültig über sie triumphieren. Die Erwartung des Gerichtes Gottes, das Gerechtigkeit bringt, ist ursprünglich die Hoffnung der Opfer von Unrecht und Gewalt. Das Gottesgericht war die Gegengeschichte und das Gegenbild der Unterdrückten zur Welt der triumphierenden Gewalttäter. Die Opfer, die Ohnmächtigen und Unterdrückten hoffen auf den Weltenrichter, "der Recht schafft denen, die Unrecht leiden". Die Klagepsalmen Israels sind ein beredtes Beispiel dafür, dass "Richten" Recht schaffen heißt. Die höhere Gerechtigkeit Gottes wird den Opfern des Frevels Recht "schaffen", sie aus dem Staub erheben, ihr verwundetes Leben heilen und ihr zerstörtes Leben zurecht bringen.

Erst später und unter fremden Einflüssen wurde in den biblischen Schriften aus diesem rettenden Befreier der Opfer ein universaler Strafrichter gemacht, der nach gut und böse urteilt und nicht mehr nach den Opfern fragt. Aus einer opferorientierten Erwartung rettender Gerechtigkeit wurde ein täterorientiertes Moralgericht nach Maßgabe der vergeltenden Gerechtigkeit. Um die ambivalenten Gerichtsvorstellungen zu christianisieren und ihre Gegenwartsbedeutung zu evangelisieren, gehe ich davon aus, dass die ursprünglichen Gotteserfahrungen Israels und der Christenheit Erfahrungen der schöpferischen, der rettenden und heilenden Gerechtigkeit sind und die Vorstellungen vom kommenden Endgericht diesen spezifischen Erfahrungen entsprechen müssen, nicht aber den allgemein-religiösen Vorstellungen der vergeltenden Gerechtigkeit und dem allgemeinmenschlichen Verlangen nach Rache. Wir fragen darum:

Wer ist der Richter im Endgericht? Nach christlichen Vorstellungen des Neuen Testaments ist der Tag des Gerichts der "Tag des Menschensohns", und der Menschensohn Jesus "ist gekommen zu suchen, was verloren ist" (Lukas 19,10; Matthäus 8,11). Wer meint, dass es Verlorene gibt, die er nicht gefunden hat, lästert Christus und erklärt ihn für unfähig und ziemlich erfolglos. Der Tag JHWH's ist der "Tag Jesu Christi" (Philipper 1,6): Es ist aller Tage Tag, an dem der gekreuzigte und auferstandene Christus vor der Welt offenbar wird und alle Welt vor ihm offenbar wird. "Alle müssen offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi" (2. Korinther 5,10). Beide treten aus ihrer Verborgenheit heraus ins Licht der Wahrheit: der jetzt in Gott verborgene Christus und der hier sich selbst verborgene Mensch. Das ewige Licht wird sie einander offenbar machen. Aber als wer wird Christus offenbar werden? Doch nicht als Rächer oder Vergelter, sondern als der gekreuzigte und auferstandene Sieger über die Sünde, den Tod und die Hölle.

Nach welcher Gerechtigkeit wird Christus richten, wenn er als der auferstandene Sieger über Sünde, Tod und Hölle offenbar wird? Doch gewiss nach keiner anderen Gerechtigkeit als derjenigen, die er selbst verkündet und durch seine Gemeinschaft mit Sündern und Zöllnern praktiziert hat. Sonst würde ihn niemand wiedererkennen können. Der kommende Richter ist der am Kreuz Gerichtete. Als "Weltenrichter" wird kommen, der "der Welt Sünde trägt" und das Leid der Opfer von Unrecht und Gewalt selbst erlitten hat. Die Gerechtigkeit Gottes, die der kommende Christus an allen Menschen und allen Dingen verwirklichen wird, wird nicht die feststellende Gerechtigkeit über Gut und Böse und nicht die vergeltende Gerechtigkeit sein, die gute Werke belohnt und böse bestraft, sondern Gottes schöpferische Gerechtigkeit, die den Opfern Recht schafft und die Täter zurecht bringt. Den Opfern der Sünde und der Gewalt wird Recht widerfahren. Die Täter der Sünde und der Gewalt werden eine zurechtbringende, transformierende Gerechtigkeit erfahren. Sie werden schon dadurch verwandelt, dass sie nur zusammen mit ihren Opfern erlöst werden.

Sie werden durch den gekreuzigten Christus gerettet, der ihnen zusammen mit Opfern begegnen wird. Sie werden ihren Untaten "absterben", um zusammen mit ihren Opfern zu einem neuen gemeinsamen Leben "wiedergeboren" zu werden. Paulus drückt diese transformierende Gnade durch das Bild vom "Feuer" aus: "Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird selig werden, doch so wie durch Feuer" (1. Korinther 3,15). Das Bild vom endzeitlichen "Feuer" hat nichts mit Scheiterhaufen oder Weltenbrand zu tun, sondern ist ein Bild für Gottes Liebe, die alles Gottwidrige verbrennt, damit die von Gott geschaffene Person gerettet wird. Als der kommende Richter der Opfer und Täter der Sünde wird der auferstandene Christus das Leid der einen und die Last der anderen überwinden, um beide aus der Herrschaft der Finsternis in das Licht des Reiches Gottes zu bringen.

Welchem Ziel dient das Gericht Christi? Das Ziel des Aufrichtens der Opfer und des Zurechtbringens der Täter ist nicht die große Abrechnung mit Lohn und Strafe, sondern der Sieg der schöpferischen Gottesgerechtigkeit über alles Gottlose im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Dieser Sieg der göttlichen Gerechtigkeit führt nicht zur Spaltung der Menschen in Selige und Verdammte und zum Ende der Welt, sondern in den großen Versöhnungstag Gottes auf dieser Erde. An dem Tag des Gerichts werden "alle Tränen von ihren Augen abgewischt", die Tränen des Leids ebenso wie die Tränen der Reue, denn es werden "weder Leid noch Schmerz noch Geschrei mehr sein" (Offenbarung 21,4). Also ist das Endgericht nicht das Ende der Werke Gottes und auch nicht das Letzte, sondern das Vorletzte. Es ist nur ein erster Schritt in einem Übergang, einer Transformation aus der Vergänglichkeit in die Unvergänglichkeit. Endgültig ist erst die neue, ewige Schöpfung, die auf der Grundlage der Gerechtigkeit geschaffen wird. Weil das Gericht dieser Neuschöpfung aller Dinge dient, ist seine Gerechtigkeit keine nur auf die Vergangenheit bezogene feststellende und vergeltende, sondern eine auf diese Zukunft bezogene schöpferische, Recht schaffende, heilende und zurecht bringende Gerechtigkeit. Das Gericht steht nicht im Dienst der Sünde und des Todes als die große Abrechnung, sondern im Dienst der neuen Schöpfung. Es war der Fehler der christlichen Tradition in Bild und Begriff, in Frömmigkeit und Lehre, nur auf das Gericht über die Vergangenheit dieser Welt zu blicken und nicht durch das Gericht hindurch die neue Welt Gottes zu erkennen und also im Ende nicht den neuen Anfang zu glauben.

Gewiss sind das Tun und das Erleiden des Bösen nicht immer auf verschiedene Personen und Personengruppen verteilt. Auch Opfer können zu Tätern werden, und in vielen Menschen sind die Täterseite und die Opferseite des Bösen untrennbar ineinander verzahnt. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass der kommende Richter uns als Täter richtet und als Opfer aufrichtet, den Pharisäer in uns abweist und den Sünder in uns annimmt und uns so auch mit uns selbst versöhnt. Das Richten von Opfern und Tätern ist immer ein soziales Richten. Wir stehen nicht einsam und auf uns selbst gestellt vor dem Richter wie in menschlichen Strafgerichtshöfen oder in nächtlichen Gewissensqualen. Die Täter stehen da zusammen mit ihren Opfern, Kain mit Abel, die Gewalthaber mit den Ohnmächtigen, die Mörder mit den Ermordeten. Denn die Leidensgeschichte der Menschheit ist unlösbar mit der Schuldgeschichte verbunden.

Immer sind es ungelöste und unlösbar gewordene soziale, politische und persönliche Konflikte, in denen die einen zu Tätern und die anderen zu Opfern der Sünde werden. Wie in den Auschwitzprozessen und in den südafrikanischen Truthcommissions zu sehen war, haben die Opfer ein langes, weil quälendes, Gedächtnis, die Täter jedoch nur ein kurzes, wenn überhaupt ein Gedächtnis. Um zu ihrer Wahrheit zu kommen, sind die Täter darum auf die Erinnerungen ihrer Opfer angewiesen, müssen auf ihre Berichte hören und sich selbst mit den Augen ihrer Opfer ansehen lernen, auch wenn das schrecklich und zerstörend ist.

Dialektischer Universalismus

Wir fragen zum Schluss nach der gegenwärtigen Praxis, die aus dieser Zukunftserwartung folgt. Wie vergegenwärtigen wir die kommende Gerechtigkeit Christi?

Ein amerikanischer Freund fragte seine baptistische Großmutter nach dem Ende der Welt, und sie antwortete mit dem geheimnisvollen schaurigen Namen: "Harmaggedon". Das ist nach Offenbarung 16,16 der Endkampf Gottes mit den Teufeln, heute verallgemeinert der Kampf der Guten gegen die Bösen mit dem Endsieg der Guten am Schluss. Aus dieser Vorstellung vom Ende haben amerikanische Fundamentalisten ein modernes, phantastisches Endkampfszenario entwickelt. Ein solches Szenario installiert und rechtfertigt das "Freund- Feind-Denken" als grundlegende politische Kategorie. George W. Bush Jr. erfand zu diesem Zweck die "axis of evil", die vom Irak über den Iran nach Nordkorea reichen soll. "America ist at war", verkündete er nach "September 11" und "wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Weil jedoch kein Staat die USA angegriffen hatte, sondern die kriminelle Islamistenbande El Qaida, wird Amerika "at war" bleiben. In welchem Krieg? Es ist der apokalyptische Krieg gemeint, Harmaggedon hat schon begonnen!

Eine ganz ähnliche Wirkung auf die Gegenwart hat die in Christentum und Islam übliche Gerichtserwartung. Ist das Ende der Welt das Gericht Gottes über Gläubige und Ungläubige mit dem doppelten Ausgang: die Gläubigen in den Himmel, die Ungläubigen in die Hölle, dann wird die Gegenwart unausweichlich vom religiösen Freund-Feind-Denken beherrscht: Hier die Gläubigen im "Haus Gottes" - dort die Ungläubigen im "Haus des Krieges". Da es für Ungläubige keine Hoffnung gibt, kann man sie schon hier mit Verachtung oder Terror bestrafen. Ungläubige sind Feinde des Gläubigen, weil sie Feinde Gottes sind. Die Vorwegnahme des jüngsten Gerichts durch die Trennung der Menschen in Gläubige und Ungläubige mit denkbarer Verfolgung der Ungläubigen als Feinde Gottes ist falsch, weil sie gottlos ist. Gott ist nicht der Feind der Ungläubigen und auch nicht der Henker der Gottlosen. "Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme" (Römer 11,32). Also müssen wir alle Menschen, gleich welchen Glaubens oder Unglaubens, als solche ansehen und achten, derer sich Gott erbarmt hat. Wer immer sie sind, Gott liebt sie, Christus ist auch für sie gestorben und der Geist Gottes wirkt in ihrem Leben. Also können wir nicht gegen sie sein.

Die allumfassende Hoffnung auf Gottes Zukunft begründet diese Grenzenlosigkeit der Liebe. Warum sollten wir den anderen Glauben, den Aberglauben oder den Unglauben anderer Menschen ernster nehmen als das Erbarmen Gottes mit ihnen? Das war ein Thema für die Christenheit im atheistischen DDR-Staat. In unserem Umgang mit Menschen anderer Religionen kann es nicht anders sein. Die Differenzen zwischen Gläubigen, Andersgläubigen und Ungläubigen sind da, aber sie sind aufgehoben im Erbarmen Gottes mit allen.

Der christliche Universalismus hindert nicht die Parteinahme für die Opfer von Unrecht und Gewalttat, sondern fordert sie. In einer gespaltenen und feindseligen Welt kann der Universalismus des Erbarmens Gottes mit allen nur durch die bekannte "preferential Option for the Poor" bezeugt werden. Gott selbst handelt in der Geschichte einseitig zugunsten der Opfer, um durch sie auch die Täter zu retten. Jesus ruft die Mühseligen und Beladenen zu sich, nimmt die Sünder an und lässt die Pharisäer leer ausgehen. Für Paulus ist die Gemeinde selbst ein Zeugnis für dieses einseitige Handeln Gottes zugunsten aller Menschen: "Seht eure Berufung an: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Edle sind berufen, sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weisen zuschanden mache, und was schwach ist vor der Welt, hat Gott erwählt, dass er zu Schanden mache, was stark ist, und das, was nichts ist, dass er zunichte mache, was etwas ist, auf dass sich kein Fleisch vor ihm rühme" (1. Korinther 1, 26-29). Darum singen wir: "Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit."


1 Allgemein: J. Assmann/B. Janowski/M. Welker, Richten und Retten. Zur Aktualität der altorientalischen und biblischen Gerechtigkeitskonzeption, in: B. Janowski, Die rettende Gerechtigkeit. Beiträge zur Theologie des Alten Testaments 2, Neukirchen 1999. Speziell: M. Arneth, "Sonne der Gerechtigkeit". Studien zur Solarisierung der Jahwe-Religion im Licht von Psalm 72, BZAR 1, Wiesbaden 2000.

2 J. Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München 2000/2003. H. Brunner (Hg.), Das Totenbuch der Ägypter, Zürich/ München 1979; A. Champdor, Das ägyptische Totenbuch, München/Zürich 1980.


Jürgen Moltmann war von 1967 bis 1994 Professor für Systematische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

* Der Text ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags, den Jürgen Moltmann auf einer Tagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie vom 19.-21. Februar in Wittenberg über "Gericht und Auferstehung" gehalten hat. Alle Beiträge der Tagung werden im Herbst dieses Jahres als Buch beim Neukirchener Verlag (Hg. Heinrich Bedford-Strohm) erscheinen.







Juergen Moltmann
Jürgen Moltmann (1926 - )

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