Barmer Theologische Erklaerung



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 70 Jahre danach - Die Barmer Theologische Erklärung im Jahr 2004

70 Jahre danach - Die Barmer Theologische Erklärung im Jahr 2004
Wolfgang Huber

27. Mai 2004

Die Barmer Theologische Erklärung, 1934 in einer Zeit kirchlicher Bedrängnis formuliert, hat eine Bedeutung erlangt, die über die Bedingungen ihrer Entstehung weit hinausreicht. Im Evangelischen Gesangbuch wird sie unter den Bekenntnissen der Kirche wiedergegeben, obwohl die Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland die Bekenntnisbedeutung dieses Textes unterschiedlich bewerten. Für viele Pfarrerinnen und Pfarrer bildet dieser Text eine wichtige Basis ihrer Ordinationsverpflichtung. Gottesdienstlich verwendet wird dieser Text in der Regel nicht. Im Konfirmandenunterricht gelehrt wird er nur selten. Deshalb hat er im evangelischen Bewusstsein nicht überall den Ort, der ihm durchaus zukommt. Doch sowohl in ihrer Methode und Form als auch in ihrem Inhalt bleibt die Theologische Erklärung von Barmen auch siebzig Jahre nach ihrer Entstehung von herausragender Bedeutung.

In ihrer Methode und die Form orientieren sich die Barmer Thesen am reformatorischen Schriftprinzip. Sie sind nichts anderes als Auslegung der Heiligen Schrift.

Alle sechs Thesen der Barmer Theologischen Erklärung haben die gleiche äußere Form. Sie sind dreigliedrig aufgebaut: Schriftwort, Bekenntnis und Verwerfung falscher Lehre folgen aufeinander. Die acht Schriftworte – der 1. und der 6. These sind jeweils zwei biblische Zitate vorangestellt – sind jeweils als Kurzfassungen der Kernaussagen der Heiligen Schrift zu dem jeweiligen Thema insgesamt zu verstehen.

Vom biblischen Wort her sind die Bekenntnisaussagen wie die Verwerfungen aus zu verstehen. Das Ja ist dem Nein vorgeordnet. Karl Barth, dem die Barmer Theologische Erklärung wesentlich zu verdanken ist, hat das so verdeutlicht: "Das Nein hat keine selbständige Bedeutung. Es hängt ganz an dem Ja. Es kann nur laut werden, indem das Ja laut wird". Das bleibt ein zentraler theologischer Grundsatz aller kirchlichen Verkündigung und aller Bekenntnisformulierungen: Kein Nein ohne das es begründende Ja!

Genauso wichtig wie Methode und Form sind Fundament und innerer Zusammenhang der Barmer Theologischen Erklärung.

Ihr sachliches Fundament ist das eine Wort Gottes, das den Namen Jesus Christus trägt. Gottes Wort ist also nicht ein Prinzip, auch nicht ein Satz, eine Gleichung oder eine Formel zur Erklärung der Welträtsel, sondern eine Person. Von ihr sagt die 1. These, dass sie das in der Bibel bezeugte eine Wort Gottes ist, das allein wir zu hören, dem wir im Leben wie im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Die 2. These macht geltend, dass Gottes Wort nicht nur tröstlicher Zuspruch, sondern in eins damit befreiender Anspruch ist. Gott ist anspruchsvoll. Aber: "unser ganzes Leben darf nur beanspruchen, was unser ganzes Leben befreit" (E. Jüngel). Die 3., 4. und 6. These schließlich sagen, dass und wie von diesem Wort her die Kirche als Gemeinde zu begreifen ist, wie sie ihren Auftrag als Dienst der ganzen Gemeinde mit ihren unterschiedlichen Ämtern zu verrichten hat.

Die 5. These nimmt auf die 1. These Bezug und erklärt, dass das eine Wort Gottes, Jesus Christus, die Kraft ist, "durch die Gott alle Dinge trägt (Hebräer 1,3). Nicht nur die Kirche lebt von der heilsamen Gegenwart und Kraft dieses Wortes, sondern auch der Staat. Dieser hat durch das Wort Gottes eine bestimmte Funktion zugewiesen bekommen, an die ihn die Kirche immer wieder erinnern muss: die Sorge für Recht und Frieden. Freilich geschieht das im Staat nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt – also ganz säkular. Das Wort Gottes will den säkularen Staat!

Wenn wir nach der aktuellen Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung fragen, gilt es darauf zu achten, dass Bekenntnistexte dieser Art ihre Bedeutung immer in bestimmten existentiellen Situationen erweisen. In auswegloser Situation  ist die Konzentration auf das Christusbekenntnis ein heilsamer Halt. Im Dialog der Religionen zeigt sich, dass die Konzentration auf Christus nicht eine Isolierung gegenüber der Weite religiöser Erfahrung zur Folge haben muss. Beide Arten von existentiellen Erfahrungen gibt es gerade heute. Menschen suchen neu nach der Wärme, die in Situationen der Bedrängnis vom Bekenntnis zu Christus ausgehen kann. Und in der Pluralität von religiösen und weltanschaulichen Einstellungen, mit denen sie konfrontiert sind, suchen sie sich des eigenen Christusbekenntnisses so zu vergewissern, dass sie gerade dadurch zum Dialog befähigt werden.

Dann nehmen sie wahr: Aus dem einen Wort Gottes, das den Namen Jesu Christi trägt, leuchtet ein Licht, in dem das Wirken des Schöpfers und die Bedeutung seiner Gebote ebenso zu erkennen ist wie die bleibende Erwählung Israels. In diesem Licht können sich auch andere Lichter reflektieren. Auch andere Formen des Interesses an der Wahrheit oder der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gottesfrage können so auf das eine Wort Gottes hinweisen, ohne dadurch selbst zur Offenbarungsquelle zur werden. Der Glaube an Jesus Christus kann so einen Zugang zu den Wahrheitsmomenten in anderen Religionen erschließen. Freilich ist es nicht möglich, aus solchen Wahrheitsmomenten ein ganzes Gottesbild zu rekonstruieren, das dann notwendigerweise die Geltung des einen Wortes Gottes zur Disposition stellen müsste. Sehr wohl aber kann es darum gehen, in anderen Religionen auf die Wahrheitsmomente zu achten, die der christlichen Wahrheitserkenntnis entsprechen, und sie von anderen Ansprüchen solcher Religionen zu unterscheiden, die der christlichen Wahrheitserkenntnis widersprechen.

Besonderes Interesse hat immer das Staatsverständnis der Barmer Theologischer Erklärung und die in ihr enthaltene Bestimmung des Verhältnisses von Kirche beziehungsweise Religion und Staat auf sich gezogen. Besonders aktuell sind solche Fragen gegenwärtig beispielsweise im Zusammenhang der Diskussion über den europäischen Verfassungsvertrag oder im Blick auf den Dialog mit dem Islam. Dabei sind die folgenden Gesichtspunkte besonders wichtig:

Die Barmer Theologischer Erklärung sieht gerade den säkularen Staat im Wort Gottes begründet. Das Wort Gottes will einen Staat, der "nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden" sorgt.

Deshalb befürworten die Barmer Thesen die positive weltanschauliche Neutralität des Staates. Eine Überhöhung des Staats dagegen, die ihn zur "einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens" machen würde, lehnen sie ausdrücklich ab. Entsprechendes muss dann ohne Zweifel gelten, wenn beispielsweise die Wirtschaft zur "einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens" erklärt oder faktisch so behandelt wird. Im einen wie im andern Fall gilt vielmehr, dass solche Ordnungen des menschlichen Zusammenlebens nur einen begrenzten Auftrag haben. Staat, Wirtschaft und jede andere menschliche Ordnung sind um ihrer selbst willen auf Selbstbegrenzung angewiesen.

Gerade weil sich die Barmer Theologische Erklärung als Auslegung der Heiligen Schrift versteht und weil sie sich dem Kontext des Kirchenkampfes verdankt, ist es legitim, sie auch kritisch zu befragen.

Kritik wird seit langem an der Tatsache geübt, dass dieser Bekenntnistext sich nicht ausdrücklich gegen die einsetzende Judenverfolgung gerichtet hat. Demgegenüber hatte Dietrich Bonhoeffer schon 1933 klar bekannt: "Kirche ist die Gemeinde der Berufenen, ... die kein Gesetz für die Zugehörigkeit in ihr aufrichtet. Darum ist der Arierparagraph eine Irrlehre und zerstört ihre Substanz." In diesem Sinn haben einzelne Christen an Judenchristen und Juden gehandelt. Aber die Kirche als Ganze ist in Barmen eine entsprechend klare Aussage schuldig geblieben. Erst später, z. B. in einer Denkschrift der Bekennenden Kirche der Deutschen Evangelischen Kirche an Hitler 1936 oder in den Beschlüssen der altpreußischen Bekenntnissynode von 1943 in Breslau hat die Bekennende Kirche versucht, das Versäumte nachzuholen. Beides blieb ohne Wirkung.

Kritisch muss schließlich der Barmer Theologischen Erklärung gefragt werden, wie sie sich zum Erbe der Aufklärung und zum Bündnis zwischen Glaube und Vernunft verhält. In bewusster Weiterführung der Barmer Thesen wurde gesagt und ist erneut hervorzuheben, was die evangelische Kirche der Aufklärung verdankt; nämlich

das Recht zur freien Religionsausübung und zur Freiheit des Wortes;


die Befreiung des kirchlichen Verkündigungsauftrags von Herrschafts- und Machtinteressen;


die wechselseitige Unabhängigkeit von Kirche und Staat;


die Wertschätzung der Menschenrechte und einer demokratischen Staatsverfassung;


die Bereitschaft zu kritischem Bewusstsein und zur eigenständigen Reflexion;


die Aufmerksamkeit für die Geschichte.
Diese Dimensionen der modernen Welt waren der Synode in Barmen vor siebzig Jahren nicht deutlich vor Augen. Doch es handelt sich um Konsequenzen, die sich aus dem reformatorischen Impuls ergeben: aus der Anerkennung der Freiheit eines Christenmenschen, aus der Betonung der Gewissensfreiheit, aus dem Beharren auf den Grenzen staatlicher Macht.

Die Barmer Theologische Erklärung kann man insgesamt als eine Auslegung des Ersten Gebots verstehen: "Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." Das Erste Gebot wird auch heute verletzt: überall dort beispielsweise, wo der persönliche Besitz oder der wirtschaftliche Erfolg wie ein Götze verehrt wird. Um dem entgegenzutreten, braucht man nicht unbedingt ein neues Bekenntnis. Die Erinnerung an das Erste Gebot kann bereits zur nötigen Klarheit verhelfen. Luthers Katechismus-Einsicht erweist ebenfalls ihre Aktualität: "Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott." Insofern haben wir viel Grund dazu, den Götzendienst unserer vermeintlich so säkularen Gesellschaft aufzudecken und ihm entgegenzutreten. Vielleicht führt das auch einmal zu einem neuen Bekenntnis. Zunächst aber ist es Grund genug, uns dankbar und mit Glaubensmut die Barmer Theologische Erklärung zu eigen zu machen. Was darüber hinaus nötig ist, wird sich zeigen.




Werner Elert (1885-1954)
Karl Barths theologische Existenz als Provokation

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